Ich kann sagen, dass ich, wenigstens in Europa, schon einige Städte gesehen habe. Wie Madrid ist keine. Nicht so voll, nicht so hektisch und vor allem nicht so laut. Gegen Madrid ist Berlin eine Bibliothek. Und Bremen Friedhof. Madrid ist Musik, mit einem Rhythmus, an den man sich gewöhnen muss. Und dafür reicht eine Woche kaum aus.
In jedem zweiten Haus ein Café, eins schöner als das andere. Uralt, modern, stylish, mit 100 Jahre alten, wackeligen Holzstühlen oder Designer-Sesseln. Eines haben sie alle gemein: unglaublich guten Kaffee. Morgens gegen 10 mit so einem Kaffee und Croissants in der Sonne sitzend, die Madrilenen auf ihrem Weg zur Arbeit beobachtend, so ließe es sich Leben. Besser gelaunt als der gemeine deutsche Finanzbeamte sehen sie allerdings auch nicht aus.
Obwohl eine, wahrscheinlich eingebildete, andere Atmosphäre herrscht, die Menschen lachen mehr. Vielleicht liegt’s an der Sonne. Oder eben am Kaffee. Oder daran, dass man in Madrid so gut einkaufen gehen kann. Weniger in großen Supermärkten und Kaufhäusern, als in vielen kleinen Läden, die in jedem zweiten Haus (also immer zwischen den Cafés) anbieten, was man braucht oder auch nicht.
Was im Prado - eine der größten Kunst-Galerien der Welt - hängt, kann man nicht kaufen. Nicht mal anfassen ist erlaubt. Trotzdem verschlägt es einem die Sprache, wenn man vor 350 Jahre alten Gemälden steht, die aussehen, als sei die Farbe gerade getrocknet. Im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía geht’s etwas aktueller zu. Dort findet man z.B. das weltbekannte “Guernica” von Pablo Picasso. Ein großes, sehr trauriges und faszinierendes Bild.
Faszinierend wie Madrid. Wer noch nicht da war, sollte hinfahren. Und: Nicht Barcelona mit Madrid vergleichen! Das ist, als würde man Bremen mit Berlin auf eine Stufe stellen.




Auch mich hat Madrid angesteckt, allerdings habe ich mehr Zeit als nur eine Woche die Stadt zu entdecken. Ich darf ein Jahr in sie hineintauchen!Aus Berlin kommend habe ich denke ich gute Voraussetzungen für einen angemessenen Vergleich und ja:die Stadt ist lauter,sie ist hektischer und sie ist einfach toll zum Einkaufen.Allein die unzähligen Schuhläden sind unglaublich und auch noch so preisgünstig.Allerdings vermisse ich neben ab und zu ein wenig mehr Ruhe gerade nachts unter der Woche die Berliner Cafés und den dort angebotenen Kaffee.Es mag ein paar wenige nette Cafés hier geben, im Vergleich mit Berlins Cafévierteln wie Schöneberg, Kreiuzberg, Freidrichshain, Mitte und Prenzlauerberg schneidet Madrids Café- und Kaffeekultur äußerst schlecht ab. Man pflegt hier eben das Barhopping und weniger das Ruhen und Lesen bei einem guten Kaffee. Dementsprechend wird in der Regel am Design gespart. Weshalb der Kaffee allerdings schlechter ist konnte ich erst nicht begreifen, wo doch Portugal und Italien so ausgezeichnete Genüsse anbietet. Inzwischen weiß ich, sie verbrühen ihn, erhitzen ihn viel zu stark, so dass er bitter wird. Und dann die Milch, da gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Milchfabrikanten. Ich trinke ihn trotz allem mit Genuss und in den Cafés verharre ich trotz verwundeter Blicke der Kellner stundenlang über meinem Buch. Ich bin schließlich in Madrid und allein das ist Grund, sich des Lebens zu freuen.Die Spanier, die ich bisher kennenlernte, waren allesamt sehr offen und in der Regel auch interessiert an meiner Heimat. Deutschland hat hier dank seiner (wenn auch momentan geschwächten) wirtschaftlichen Lage ein gutes Ansehen. Zwar erfüllen wir längst nicht mehr die deutschen Tugenden, dafür haben wir uns aber inzwischen andere positive Seiten angeeignet.Irritiert war ich allerdings, als ich erfuhr, wie wenig Rücksicht man in der Öffentlichkeit auf andere Mitmenschen nimmt. Da wird gedrängelt, für alte Menschen selten ein Platz im Bus freigemacht und die Mutter mit ihrem Kinderwagen vor einer steilen Treppe stehengelassen ohne ein Angebot der Hilfe.Im Freundes- und Bekanntenkreis zeigt sich dagegen ein fast schon konträres Gesicht.Man wird freundlich und schnell in den Kreis aufgenommen und sogar ins familieneigene Ferienhaus eingeladen ohne einander gut zu kennen.Viele unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Aspekte,die sich mir hoffentlich in den kommenden Monaten zu einer realen Einschätzung des spanischen Lebens erschließen.Und eines bin ich mir jetzt schon sicher, einiges der Gewohnheiten Spaniens werde ich zu meinem eigenen Vorteil mit nach Deutschland nehmen (sicherlich aber nicht das durchfrittierte Essen).
P.S. Mich hat von all den großen Mussen und Ausstellungen am meisten die Thyssen-Collección beeindruckt.Es ist, als wandle man durch ein Kunstgeschichtsbuch, einfach unglaublich und wahnsinnig vielseitig…Nicht verpassen beim nächsten Besuch!
Kommentar von Marisa, geschrieben am 11. November 2005 | 22:15